Das Zeitungsviertel

Teilen

Nirgendwo gab es zwischen 1880 und 1930 mehr Medieninnovationen: Im damaligen Südwesten der Reichshauptstadt Berlin hatten international bewunderte Großverlage und kleine Startups ihren Sitz.

Mehr als 500 Betriebe der Druckereibranche hatten ihren Sitz in dem gut ein Quadratkilometer großen Areal zwischen Landwehrkanal im Süden und Leipziger Straße im Norden, der Wilhelmstraße im Westen und der Lindenstraße im Osten. Hier lagen Setzereien, kleine und große Druckereien, Anzeigenbüros, Vertriebsbüros und natürlich ganze Redaktion. Die drei Berliner Großverlage Scherl, Ullstein und Mosse residierten beiderseits der Kochstraße, der Achse des Zeitungsviertels, deren Name wie sonst nur noch der Times Square von New York und die Fleet Street in London als Synonym für moderne Presse galt. Hier wurden zwei führende liberale Blätter Deutschlands redigiert, die Vossische Zeitung und das Berliner Tageblatt. Die beiden ersten großen Abonnementzeitung entstanden hier, der Lokal-Anzeiger und die Berliner Morgenpost. Außerdem die schnellste Zeitung der Welt (B.Z.), mit der Berliner Illustrirten die erste Massenillustrierte mit Millionenauflage, die weltweit zum Vorbild wurde, und viele andere Innovationen der Presselandschaft.

Ullstein-Hauptsitz, © ullstein bild


Gegen die selbstbewussten Medien und gegen die bevorstehenden demokratischen Wahlen zur Nationalversammlung richtete sich in den ersten beiden Januar-Wochen 1919 der kommunistische Spartakus-Aufstand. Die heftigsten Kämpfe fanden an der Kreuzung Jerusalemer / Schützenstraße statt; Papierrollen aus den benachbarten Druckereien dienten als Barrikaden und Deckung. Der Mosse-Verlag wurde dabei schwer, mehrere benachbarte Häuser erheblich beschädigt.

Spartakus-Aufstand

Spartakus-Aufstand, © ullstein bild – Haeckel Archiv


Doch das Zeitungsviertel erholte sich rasch wieder: Der Architekt Erich Mendelsohn gestaltete die berühmte „Runde Ecke“ des Mosse-Verlages in modernem Stil um, und im gegenüberliegenden Block etablierten sich unter anderem die „Neuesten Schachnachrichten“ von Bernhard Kagan in der Schützenstraße 31 und die Verlagsdruckerei von Erwin Taussik in der Jerusalemer Straße 5/6, die den „Blauen Peter“ herausgab, eine „ Zeitschrift für Segeln und Seefahrt“. 

Autor
Sven Felix Kellerhoff

Sven Felix Kellerhoff

Ltd. Redakteur Geschichte WELT | Kontakt

Autor
Hans-Wilhelm Saure

Hans-Wilhelm Saure

BILD-Chefreporter | Kontakt


Teilen