Jüdische Schicksale

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Etwa ein Drittel der 560.000 Juden in Deutschland lebte 1925 in Berlin. Das entsprach einem Anteil von 3,8 Prozent der Berliner Bevölkerung. Am Rande des Zeitungsviertels und nahe dem Konfektionsviertel mit vielen Betrieben der Kleidungsbranche lag der jüdische Anteil noch höher.

Ob Hauseigentümer, Bewohner oder Geschäftsleute: Juden prägten das Leben in dem Karree zwischen Schützen- und Zimmer-, Jerusalemer und Lindenstraße. Mindestens 24 Mieter, sieben Gewerbetreibende und eine Hausbesitzerin wurden von den Nazis wegen ihres jüdischen Glaubens deportiert und ermordet.

Nur wenige überlebten den NS-Terror in Berlin – zum Beispiel der 1885 in Posen geborene Bernhard Federmann. Er wohnte in der Jerusalemer Straße 7 und betrieb dort von 1929 bis zur erzwungenen Aufgabe seines Geschäfts 1939 eine Textil-Großhandlung.

Seit 1891 befand sich in der Lindenstraße 48-50 eine Synagoge. Sie war das zentrale Gotteshaus der jüdischen Bevölkerung rund um das Zeitungsviertel. In der Pogromnacht am 9. November 1938 zerstörten und plünderten SA-Horden das Innere der Synagoge. Edgar Lax erlebte die Pogromnacht als 15-Jähriger in der Zimmerstraße 48b. In einem Interview mit dem Imperial War Museum in London beschrieb er 2008, wie seine Familie in dieser Nacht angstvoll in der Wohnung ausharrte. Sie befürchteten, dass die Randalierer ihr Zuhause stürmen würden, blieben aber in dieser Nacht von Übergriffen verschont. Danach schickten die Eltern ihren Sohn Edgar mit einem Kindertransport über Holland nach England. Er überlebte als Einziger aus seiner Familie.

Nach Großbritannien fliehen konnte auch Elise Brasch, die Eigentümerin des Hauses in der Schützenstraße 27. Die Gestapo beschlagnahmte das Gebäude am 20. Oktober 1942. Lucian Freud (1922–2011), der Enkel von Elise Brasch, wurde einer der bedeutendsten Porträtmaler des 20. Jahrhunderts.

Das Wohn- und Geschäftshaus Zimmerstraße 48a/b gehörte Minny Fraenkel, einer Jüdin. Sie emigrierte nach Amsterdam. 1939 verkaufte sie das Haus unter Zwang an die „Arierin“ Erna Erle, der Frau eines Schulrektors. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht wurde Minny Fraenkel zuerst ins Durchgangslager Westerbork gebracht und von dort am 27. April 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.


In der Zimmerstraße 48 b lebte der Kürschner Max Guttmann in einer Fünf-Zimmer-Wohnung. Vorne waren die Wohnräume, hinten die Werkstatt. Am 9. Dezember 1942 wurde er mit seiner Frau Martha nach Auschwitz deportiert.

Max Guttmann kommt am 24. Juni 1893 in Ungarn auf die Welt. Am 30. Dezember 1920 heiratet er in Berlin die ein Jahr jüngere Verkäuferin Martha Weiss. Der Kürschner näht in den goldenen 20er Jahren Pelzmäntel für die feinen Damen der Reichshauptstadt und hat mit seinem Betrieb großen Erfolg. Im Jahr 1929 – damals noch in der Schillingstraße 1 in Berlin-Mitte – arbeiten für die Firma „Max Guttmann – Damenmäntel und Kostüme, Engros und Fabrikation“ 20 Zwischenmeister, ein kaufmännischer Angestellter, ein Vertreter, eine Probierdame und ein Hausdiener.

Nach der Machtergreifung der Nazis und dem Boykott jüdischer Geschäfte zieht Guttmann 1934 in die Zimmerstraße 48b. Drei Zimmer benutzen er und seine Frau Martha privat. Die Wohnung ist gut bürgerlich eingerichtet, mit schweren Möbeln, Teppichen, Vorhängen und Kristall. In den beiden

anderen Zimmern werden weiter Pelzmäntel genäht – bis der Betrieb durch die Judenverfolgung der Nazis 1939 zum Erliegen kommt. Max Guttmann muss fortan Zwangsarbeit bei der Firma Georg Reisse leisten, im Winter Schnee schaufeln. Mit dem 24. „Osttransport“ wird das Ehepaar Guttmann am 9. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Möbel (u.a. Schlafzimmereinrichtung, Polstersessel, Schreibtisch Eiche) des ermordeten Paares taxiert ein Gerichtsvollzieher auf 385 Reichsmark. Mit 20 Prozent Rabatt geht die gesamte Einrichtung an einen Berliner Möbelhändler.


Im Eckhaus Zimmerstraße 48a/Lindenstraße 63 wohnte seit 1901 Elisabeth Rosenthal. Am 14. September 1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt und am 16. Mai 1944 weiter ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Als Elisabeth Caspary wird sie am 11. Juli 1872 in Berlin geboren. In ihrem 23. Lebensjahr heiratet sie den zehn Jahre älteren Kaufmann Siegfried Rosenthal. Ihr Mann stammt aus Breslau, wohnt in der Klosterstraße in Mitte und ist wie sie jüdischen Glaubens.

1904 gründet Siegfried Rosenthal mit einem Partner in der Zimmerstraße 48a die Wäsche- und Schürzenfabrik „Rosenthal & Buchholz“. Die Geschäfte laufen bis zur NS-Zeit gut. Das Paar lebt in der zweiten Etage in einer komfortablen Fünf-Zimmer-Wohnung mit eigenem Bad und Mädchenzimmer zur Miete. Kinder haben Elisabeth und Siegfried Rosenthal nicht.

Am 8. Mai 1940 stirbt Siegfried Rosenthal und wird auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin Weissensee beerdigt. Sein Betrieb wird ein Jahr später geschlossen. Die Witwe vermietet drei Zimmer unter, um die 120 Reichsmark Miete im Monat zahlen zu können. Auch ihr älterer Bruder Leopold Caspary zieht zu ihr in die Wohnung. Am 10. September 1942 muss die inzwischen 70-Jährige eine Vermögenserklärung abgeben, doch außer ihren Möbeln besitzt sie nichts mehr. Vier Tage später wird sie zusammen mit ihrem Bruder nach Theresienstadt deportiert. Leopold Caspary stirbt dort am 2. Januar 1943. Elisabeth Rosenthal wird 1944 in Auschwitz ermordet.

Die Hausbesitzerin Erna Erle fordert am 6. November 1942 von der Oberfinanzdirektion 38,80 Reichsmark – den anteiligen Mietausfall für die abgeholten Geschwister der „Judenwohnung Rosenthal“.


In der Schützenstraße 33 lebte Mordechai Tanin mit seiner Frau Pnina und den drei Kindern Uri, Esther und Ruth. Er betrieb eine Kürschnerei. Nur seine älteste Tochter Esther überlebte den Holocaust.

Mordechai Tanin und seine Frau Pnina stammen aus Krakau, das bei ihrer Geburt im Jahr 1899 zum Königreich Galizien und Lodomerien gehört, das wiederum Teil der Doppelmonarchie „Österreich-Ungarn“ ist. Im Ersten Weltkrieg dient Mordechai in der K.u.K.-Armee. Nach dem Krieg lebt er kurzzeitig mit seiner Familie in Palästina. Dort kommt Tochter Esther am 17. November 1925 auf die Welt.

Die junge Familie geht nach Berlin. In der Leipziger Strasse eröffnet der Kürschner einen Gewerbebetrieb, zieht später in die Schützenstrasse 33 um. Am 9. Juli 1929 wird die zweite Tochter Ruth geboren und am 3. September 1939 Sohn Uri – das Nesthäckchen der Tanins.

Etwa zum Zeitpunkt von Uris Geburt muss seine Schwester Ruth als Jüdin die staatliche Schule verlassen und besucht bis zur Schließung im Juni 1942 eine jüdische Schule. Esther leistet Zwangsarbeit bei den Siemens-Schuckert-Werken.

Am 12. Januar 1943 werden Pnina, Ruth und Uri in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Mordechai Tanin liegt an diesem Tag mit einer Lungenentzündung, die er sich beim zwangsweisen Schneeschaufeln zugezogen hat, im Jüdischen Krankenhaus. Als Tochter Esther ihm von der Deportation erzählt, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt.

Die Gestapo verhaftet Esther am 27. Februar 1943 bei Siemens. Der Deportation nach Auschwitz entgeht sie nur, weil ein junger SS-Mann ihr am Bahnhof befiehlt, nicht in den Zug einzusteigen.


Autor
Sven Felix Kellerhoff

Sven Felix Kellerhoff

Ltd. Redakteur Geschichte WELT |
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Hans-Wilhelm Saure

Hans-Wilhelm Saure

BILD-Chefreporter | Kontakt


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